Michael Girke
Autor & Filmkritiker, Herford.
Schreibt u. a. für Deutschlandradio Kultur, Film-Dienst, Freitag, Konkret, Kolik-Film; guest appearances in Büchern, zuletzt: Klaus Theweleit, »Friendly Fire«; Thomas Heise, »Spuren«; Ulrich Kriest, »Formen der Liebe«; Kerstin & Sandra Grether, »Madonna und wir«; Doris Kern, Sabine Nessel, »Unerhörte Erfahrung – Festschrift für Heide Schlüpmann«.






Heimatkunde

»Der Pott filmt«, ein seltsames Wort. Was will es besagen? Etwa, dass Menschen mit Kameras dem Gedanken nachgehen, den der Schriftsteller Heinrich Böll nach einer Eisenbahnfahrt durch das Ruhrgebiet notierte:
»Wer die merkwürdigen, oft so zufällig wirkenden Grenzen und Winkel der Landkarte begradigen würde, würde uralte Gefühle verletzen. Wie lange diese uralten Linien Bedeutung haben, wann sie anfangen werden, fiktiv zu sein, ist nicht zu bestimmen«.

Dies wurde im Jahre 1960 geschrieben. Was alles ist seither geschehen? Wie mag es heute um solche alten Sprachgrenzen, Grenzen der Brotformen und Bräuche bestellt sein? Welche spezifischen Erinnerungen, Gerüche, Wörter gibt es noch im Ruhrgebiet zwischen all den Sachen, die ausschauen wie überall auf der Welt?

Das Kino gibt Auskunft. Dessen Bilder sind ein riesiges Archiv der Lebensweisen, Moden, Stimmungen, politischen und wirtschaftlichen Geschehnisse, das an Farbigkeit, Fülle, Feinheit viel mehr auszusagen vermag als mancher soziologische Exkurs. Was besagen will, dass nicht allein aktuelle, sondern auch alte Filme – gerade wenn die von ihnen gezeigte Welt längst entschwunden ist – etwas zu sehen und zu verstehen geben.

Welch lange Reihe beeindruckender Filmemacher das Ruhrgebiet hervorbrachte. Beispielsweise Dokumentaristen wie Christoph Hübner und Gabriele Voss (wohnhaft in Witten und Autoren zweier Filme über Nachwuchsfußballer von Borussia Dortmund) oder Rainer Komers (wohnhaft in Mülheim). Doch wurde hier natürlich nicht nur dokumentiert, sondern auch mit geradezu teuflischer Lust fantasiert und kaputt gemacht. Beispielsweise in den im Geiste Hollywoods gemachten Ruhrgebietspopmärchen des Adolf Winkelmann, oder – ein fundamental anderer Fall – in den der Literatur stark verbundenen Kunstfilmen des Werner Nekes. Und noch einmal ganz anders: Helge Schneider, die Verkörperung des Anarchisten in uns allen, der partout das tut, was keiner erwartet – worüber man trefflich lachen, was man aber auch sehr schön finden kann, weil das endlich einmal eine Freiheit ist.

Der Erfolg all der Ruhrgebietsfilmer ist nicht listenmäßig erfasst. Keine Hitparadenplatzierungen, keine Oscars. Aber sie haben Nachfolger gefunden, junge, mit Preisen versehene Regisseure wie Frank Wierke, welche moderne filmische Blicke auf das, wie Heinrich Böll es nennt, »Riesengebilde Ruhrgebiet« werfen, den Abstand zwischen Idealen (oder Illusionen) und der Wirklichkeit vermessen. Was sowohl den Ureinwohnern als auch gelegentlichen Besuchern erhellende Selbstbegegnungen ermöglicht – und schon gar ein wahrlich diebisches Vergnügen. (Michael Girke)